Der “War for Talents” bei Einhörnern: Warum Defense-Tech-Talente besonders gefragt sind.
Die deutsche Start-up-Landschaft erlebt derzeit eine bemerkenswerte Transformation. Während der allgemeine Stellenmarkt eher rückläufig ist, wachsen die deutschen Unicorns (Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar) weiter und suchen intensiv nach Personal. Eine aktuelle Arbeitsmarktanalyse von Indeed und Gründerszene aus dem März 2026 zeigt deutlich: Besonders in den Sektoren Climate-Tech und Defense-Tech tobt ein intensiver “War for Talents” [1]. Befeuert durch die geopolitische Zeitenwende, steigende Verteidigungsbudgets und ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein, fließen Milliarden in junge Rüstungsunternehmen. Doch dieses rasante Wachstum offenbart einen kritischen Engpass: den massiven Fachkräftemangel.
Gegen den Trend: Unicorns stellen massiv ein
Trotz eines insgesamt schrumpfenden Stellenmarktes haben Deutschlands wertvollste Start-ups ihre Neueinstellungen nicht zurückgefahren. Im März 2026 schrieben Unicorns insgesamt 1.962 offene Stellen aus – ein deutlicher Anstieg gegenüber den rund 1.700 Stellen im Februar [1].
“Die aktuellen Zahlen unseres Jobtrackers zeigen, dass sich die deutschen Unicorns trotz des insgesamt rückläufigen Arbeitsmarktumfelds nicht mit Neueinstellungen zurückhalten, im Gegenteil. Während der allgemeine Stellenmarkt schrumpft, schreiben Deutschlands wertvollste Startups mehr Stellen als im Vormonat aus.”
— Frank Hensgens, Geschäftsführer von Indeed Deutschland [1]
Zwar wird der Markt quantitativ vom Climate-Tech-Sektor dominiert – allein 1Komma5° und Enpal machen mit 651 Stellenangeboten rund ein Drittel aller Unicorn-Jobs aus –, doch direkt dahinter positioniert sich die Defense-Tech-Branche als einer der stärksten Wachstumsmotoren [1].
Die Zeitenwende und der Aufstieg der Defense-Tech-Unicorns
Der Krieg in der Ukraine hat die sicherheitspolitische Architektur Europas grundlegend verändert und die Notwendigkeit technologischer Souveränität offengelegt. Mit 251 offenen Stellen (12,8 Prozent aller Unicorn-Jobs) verzeichnen die Verteidigungs-Start-ups einen starken Beschäftigungszuwachs [1].
In Deutschland stechen dabei drei Unternehmen besonders hervor, die den Status eines Einhorns erreicht haben:
- Helsing: Das 2021 gegründete Unternehmen entwickelt KI-Software für militärische Anwendungen und gehört zu den wertvollsten privaten Technologieunternehmen Europas [2].
- Quantum-Systems: Der Hersteller von Aufklärungsdrohnen (VTOL) aus Gilching bei München [3].
- Stark Defence: Das Berliner Drohnen-Start-up, das mutmaßlich im Februar 2026 bei einer neuen Finanzierungsrunde die Milliardenbewertung knackte [1].
Frank Hensgens von Indeed sieht in Stark Defence ein Sinnbild für die aktuelle Zeit, “in der der Bereich Verteidigung – auch getragen von staatlichen Investitionen – zu einem Jobmotor in Deutschland wird” [1].
Wirtschaftsprofessor Stephan Kaiser von der Universität der Bundeswehr München bestätigt, dass dieser Beschäftigungszuwachs eine direkte Folge der sicherheitspolitischen Zeitenwende ist. Für die Defense-Unternehmen bedeute dies “langfristige Großaufträge, steigende Produktionsvolumina und konsequenterweise umfangreichen Personalaufbau” [1]. Auch wenn es anfangs einen gewissen Strohfeuer-Effekt gebe, bis bestimmte Personalzahlen erreicht seien, werde der strukturelle Ausbau der Branche mittelfristig bestehen bleiben [1].
Die Anatomie des Talentmangels: Erfahrung gesucht
Die gesuchten Profile in der Rüstungsindustrie sind hochgradig spezialisiert. Quantum Systems führt das Feld derzeit mit 107 ausgeschriebenen Jobs an, schwerpunktmäßig für Ingenieure, IT-Fachkräfte und Manager [1]. Auch Stark Defence sucht intensiv und hat 73 offene Positionen [1].
Ein auffälliges Merkmal der aktuellen Rekrutierung im Defense-Tech-Bereich ist der extreme Fokus auf erfahrene Fachkräfte (Seniors). Während Quantum Systems lediglich eine einzige Stelle für Berufseinsteiger (Junior) anbietet, stehen dem 16 Senior-Positionen gegenüber. Helsing sucht sieben und Stark Defence neun Senior-Profile [1].
“Gerade sind vor allem erfahrene Fachkräfte gefragt, besonders in technischen und spezialisierten Rollen. Sie brauchen nicht nur das nötige Know-how, sondern müssen auch eigenständig liefern und in einem komplexen, regulierten Umfeld schnell Wirkung zeigen.”
— Tim-André Thomas, Pressesprecher von Stark Defence [1]
Neben der fachlichen Expertise müssen Kandidaten laut Thomas spezifische Soft Skills mitbringen: Strukturiertes Denken gepaart mit flexibelem Handeln, Prozessgetriebenheit, Lösungsorientierung und Resilienz seien in diesem dynamischen Umfeld entscheidend [1].
Woher kommen die Talente und wie werden sie gelockt?
Der Wettbewerb um diese Talente ist laut Tim-André Thomas von Stark Defence enorm – sowohl innerhalb der Branche als auch gegenüber etablierten Technologiekonzernen [1]. Um geeignete Kandidaten zu finden, fahren die Unternehmen mehrgleisig. Neben internen Talent-Acquisition-Teams kommen für hochspezialisierte Rollen auch externe Headhunter zum Einsatz. Zudem wird aktiv der Kontakt zu Universitäten gesucht [1].
Ein entscheidendes Argument im “War for Talents” sind die Vergütungsstrukturen.
“Deutsche Unternehmen der Verteidigungsindustrie zahlen meines Wissens und nach mir bekannten Studien meist überdurchschnittlich. Insbesondere Ingenieur-, IT- und Projektmanagementrollen liegen häufig im oberen Gehaltssegment.”
— Stephan Kaiser, Wirtschaftsprofessor [1]
Dies gilt laut Kaiser nicht nur für technische Berufe, sondern auch für klassische kaufmännische Funktionen, HR, Controlling oder Vertrieb. Auch für Berufseinsteiger seien die Bedingungen in der Rüstungsindustrie finanziell äußerst attraktiv [1].
Darüber hinaus rekrutieren Start-ups stark aus der etablierten Verteidigungsindustrie (Primes) sowie aus dem militärischen Bereich, da diese Mitarbeiter essenzielles Marktwissen, “Battlefield Thinking” und oft bereits aktive Sicherheitsfreigaben (Security Clearances) mitbringen [4].Defense-Tech als neuer Jobmotor
Defense-Tech als neuer Jobmotor
Der “War for Talents” in der Defense-Tech-Branche ist mehr als nur ein Ringen um die besten Köpfe; er ist ein Nadelöhr für die sicherheitspolitische Resilienz Europas. Die technologische Überlegenheit auf dem zukünftigen Schlachtfeld wird von den Softwareentwicklern, KI-Spezialisten und Ingenieuren geprägt, die heute in den Laboren von Start-ups wie Helsing, Quantum-Systems oder Stark Defence arbeiten.
Die aktuellen Zahlen zeigen eindrucksvoll: Defense-Tech hat sich neben Climate-Tech und FinTech zu einer der beschäftigungsstärksten Branchen der deutschen Einhörner entwickelt [1]. Um in diesem intensiven Wettbewerb zu bestehen, punkten die Unternehmen mit überdurchschnittlichen Gehältern, einer sinnstiftenden Mission und der Möglichkeit, in einem hochkomplexen Umfeld schnell Wirkung zu erzielen.
Referenzen
[1] Finke, Leandra (2026). War for Talents bei Einhörnern: Warum Defense-Tech-Talente besonders gefragt sind. Business Insider / Gründerszene.
[2] Handelsblatt (2025). Start-ups: Der große Einhorn-Check – Alles mau bis auf KI und Rüstung. URL: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/start-ups/start-ups-der-grosse-einhorn-check-alles-mau-bis-auf-ki-und-ruestung-02/100178019.html
[3] Reuters (2025). German drone maker Quantum Systems triples valuation after new funding round. URL: https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/german-drone-maker-quantum-systems-triples-valuation-after-new-funding-round-2025-11-27/
[4] The Big Byte (2025). What the Talent Structures of Helsing and Quantum-Systems Reveal About European Defence Tech. URL: https://thebigbyte.substack.com/p/talent-structures-of-helsing-quantum-systems-europe-defence-tech

